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Ein Genuss für Augen und Ohren: Stummfilme mit Live-Musik


Das Kino in der Reitschule zeigt im September in der Grossen Halle der Reitschule Bern drei Stummfilme mit zeitgenössischer Live-Musik.

Filme aus der Zeit, als die Filmkopien noch keine Tonspur hatten, stehen jeweils nach der Sommerpause im Kino in der Reitschule Bern auf dem Programm. Alle Stummfilme werden mit Live-Musik aufgeführt: Ein Vergnügen sowohl für die Augen als auch für die Ohren. Das diesjährige Programm ist der Vielfalt akustischer Herangehensweisen an Stummfilme gewidmet und umfasst drei Filme, die zwischen dem 8. und 16. September in der Grossen Halle der Reitschule gezeigt werden.

Dem reichen Musikerbe aus der Zeit des Stummfilms ist die Arbeit des achtköpfigen Orchesters unter der Leitung des italienischen Komponisten und Musikers Marco Dalpane aus Bologna verpflichtet, der seit Jahren im Auftrag des Filmfestivals "Il cinema ritrovato" und des Filmarchivs Bologna Musikkompositionen zu Stummfilmen schafft. Für die Musik zur Stummfilmkomödie "Le mariage de Mademoiselle Beulemans" von Julien Duvivier (1927) greifen Dalpane und sein Orchester auf musikalische Spuren aus den Zwanzigerjahren zurück. Ob Jazz oder Zwölftonmusik, mit der Neuinterpretation des Musikerbes baut Dalpane einen Spannungsbogen von der Gegenwart zum kulturellen Umfeld von damals auf.

Einen ganz anderen Weg schlägt der deutsche Komponist und Klangkünstler Werner Cee beim Avantgarde-Klassiker "Der Mann mit der Kamera (Tschelowjek s kinoapparatom)" von Dsiga Wertow (1929) ein. Die Musik, gespielt auf der Weiterentwicklung eines chinesischen Saiteninstruments, tritt in Wechselbeziehungen zu Geräuschen und Tondokumenten aus den Hörspielproduktionen des Klangkomponisten. Für Werner Cee ist die Komposition keine Begleitung zum Film, sondern ein eigenständiges Hörerlebnis, das die zeitliche Distanz zwischen dem Film und der Klangwelt verdeutlicht.

Musik und Film als gleichwertige, sich ergänzende und beeinflussende Elemente einer akustisch-visuellen Komposition, das bietet "Migration", die Film-Collage mit Live-Musik von Filmemacher Giorgio Andreoli und Musiker Paed Conca. Nicht nur die Musik stammt aus unseren Tagen, sondern auch der Stummfilm, eine Komposition aus Filmzitaten zum Thema Migration.


Freitag, 8. September 2006, 20.30 Uhr
Samstag, 9. September 2006, 20.30 Uhr
"Le Mariage de Mademoiselle Beulemans "
Julien Duvivier, Frankreich 1927, Restaurierte Fassung

Mit musikalischer Live-Begleitung, unter der Leitung von Marco Dalpane (Bologna)
In Zusammenarbeit mit der Cineteca Bologna

Musik zu einem Stummfilm zu schreiben, bedeutet für den Komponisten und Musiker Marco Dalpane, ein Bewusstsein für die Epoche und das kulturelle Umfeld zu erlangen, in denen der Film entworfen und gedreht wurde. Da das Kino oft zu vorangegangenen Kulturepochen Bezug nehme, sei ein Musiker verpflichtet, das musikalische Erbe zu erkunden, präzisiert Marco Dalpane: "Den richtigen Taktschlag und die richtige Spannung zu finden, erlaubt der Musik, in wechselnde Beziehungen zu den Bildern zu treten."

"Le Mariage de Mademoiselle Beulemans" basiert auf der gleichnamigen und damals bekannten wie erfolgreichen belgischen Theaterkomödie. Die kulturellen und sprachlichen Unterschiede zwischen Frankreich und dem französischsprachigen Belgien prägen Geschichte und Charme der Komödie, was Regisseur Julien Duvivier über die Verhaltensweisen der Figuren und über unterschiedliche Typografien in den Zwischentiteln sichtbar macht.

Bierbrauer Beulemans möchte zum Ehrenpräsidenten des Bierbrauervereins von Brüssel gewählt werden. Unterstützt wird er von Séraphin Meulemeester, dem Verlobten der Bierbrauertochter Suzanne Beulemans, obwohl sich auch Séraphins Vater zur Wahl stellen wird. Wenig Freude hat Beulemans an Albert Delpierre, einem jungen Pariser mit gutfranzösischen Umgangsformen, der bei Beulemans die Bierbraukunst erlernen will. Das Dienstmädchen der Familie Beulemans entdeckt, dass Séraphin eine Geliebte und mit dieser einen Sohn hat, und lässt dies Suzanne wissen. Am Tag, an dem der Ehrenpräsident des Bierbrauervereins gewählt wird, klären sich die familiären und amourösen Beziehungen. Albert, der inzwischen belgische Umgangsformen angenommen hat, verhilft Beulemans zum triumphalen Sieg gegen Meulemeester und bittet um die Hand Suzannes. Die Doppelheirat von Suzanne und Albert sowie von Séraphin und seiner Geliebten führt zur Versöhnung der Familien Beulemans und Meulemeester.


Freitag, 15. September 2006, 20.30 Uhr
Migration
Filmauswahl und Montage: Giorgio Andreoli und Paed Conca
Musikkomposition: Paed Conca; Schweiz 2005, 60 Minuten.
Die Musiker: Paed Conca (Bass, Klarinette, Elektronik), Michael Thieke (Klarinette, Altoklarinette, Elektronik), Frank Crijns (Gitarre, Elektronik), Fabrizio Spera (Schlagzeug, Elektronik).

Zuerst waren es Stummfilmklassiker aus den Zwanzigerjahren ("Nosferatu" von F.W. Murnau, "Die Mutter" von Wsewolod I. Pudowkin u.a.), die Paed Conca für das Kino in der Reitschule Bern vertonte. Letztes Jahr diente ihm Archivmaterial zum Bau der 1927 fertiggestellten Lorrainebrücke als Vorlage, und im Januar 2006 hat er die Musikkomposition "Migration" uraufgeführt, für die der Filmemacher Giorgio Andreoli und der Musiker Paed Conca das Bildmaterial zusammengestellt haben.

Das Bildmaterial greift das Thema der Migration auf und ist eine chronologische Collage aus Dokumentarfilmmaterial und Spielfilmausschnitten: von Leopold Lindtbergs "Die letzte Chance" über "Abreise der Italiener in die Ferien" (aus dem Jahr 1960, Regie unbekannt) bis zu "Lamerica" von Gianni Amelio. Die Montage des Filmmaterials und die Komposition der Musik liefen Hand in Hand. Im Gegensatz zur herkömmlichen Filmvertonung ist bei "Migration" die Musik gleich wichtig wie das Bild.

Die Politik leistet heute wie früher ihren Beitrag, ausländische Menschen als grosse Bedrohung darzustellen, egal ob bei der Arbeitsmigration oder der Fluchtmigration. Dieser thematische Kontext ist der Ausgangspunkt von "Migration". Entstanden ist ein Musikfilm, der bewegt, hinterfragt, aufwühlt und versöhnt.


Samstag, 16. Septeber 2006, 20.30 Uhr
"Der Mann mit der Kamera"
Dziga Vertovs, UdSSR 1929,

Der Soundtrack zu "Der Mann mit der Kamera" war eine Auftragskomposition der Biennale-Bern und wurde im Oktober 2005 dort uraufgeführt.

"Ich bin das Filmauge. Ich bin das mechanische Auge. Ich bin die Maschine, die euch die Welt so zeigt, wie nur ich sie zu sehen imstande bin. Von heute an befreie ich mich für immer von der menschlichen Unbeweglichkeit. Ich bin in ununterbrochener Bewegung." Was Dsiga Wertow 1923 niederschrieb, brachte er 1929 mit seinem letzten Stummfilm, dem atemberaubenden "Der Mann mit der Kamera", in formaler Vollendung auf die Leinwand. Frei von narrativen und theatralisch-dramaturgischen Elementen zeigt uns Wertow, wie er den Alltag in Moskau, Kiew und Odessa sieht.

Dsiga Wertow (eigentlich Denis Kaufman), der kurz nach der Oktoberrevolution zur neu geschaffenen Filmwochenschau stiess und später die Filmmonatsschau "Kino Prawda" gründete, war der Überzeugung, dass ein Film das Leben so zeigen sollte, wie es ist. Jegliche fiktive Handlung, jede Inszenierung sei schädlich, verfälsche die Wirklichkeit und diene der Verdummung des Publikums. Die Objektivität sei allein durch das Auge der Kamera gewährleistet.

Wagemutig und virtuos nutzt Wertow alle gestalterischen Möglichkeiten der Filmkamera und der Montage. Obwohl er damit seinem Objektivitätsanspruch widerspricht und zeigt, dass jede filmische Gestaltung Manipulation ist, bleibt "Der Mann mit der Kamera" pures Vergnügen und ein Meilenstein der Filmgeschichte.

Fast achtzig Jahre nach der Premiere des Films nimmt der deutsche Komponist und Klangkünstler Werner Cee das Collage-Prinzip von Wertow auf und fügt eine Filmmusik hinzu, "die niemals den Film kommentieren oder illustrieren, sondern dem Film nur weitere Ebenen hinzufügen kann." Entstanden ist ein Hörfilm, der zeitgleich zu Wertows Stummfilm läuft.



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